Hanya Yanagihara – Zum Paradies

Nach „Ein wenig Leben“ gibt es endlich einen neuen Lesestoff von Hanya Yanagihara. Da der Vorgänger zu meinen absoluten Lieblingsbüchern zählt, hatte ich wirklich hohe Erwartungen an „Zum Paradies“. Zuallererst: Es ist ein völlig anderer Roman und ein direkter Vergleich ist hier überhaupt nicht möglich und nötig, was ich super finde, da man so beide Bücher komplett losgelöst voneinander genießen kann. 

„Zum Paradies“ gliedert sich in drei Bücher, die 1893, 1993 und 2093 in New York spielen. Ein Haus am Washington Square und viele junge Männer namens David? Gar nicht so leicht die Handlung kurz zu beschreiben, daher breche ich sie Buch für Buch kurz runter und versuche dabei so wenig wie möglich zu Spoilern.

Buch 1: 1893

In dieser historisch fiktiven Variante von 1893 geht es um David, den Erben einer sehr reichen und einflussreichen New Yorker Familie. Er wächst mit seinen zwei Geschwistern bei seinem Großvater auf und ist mittlerweile ein junger Mann ohne Verpflichtungen, aber auch ohne Erfüllung. Er kämpft mit psychischen Krankheiten und fühlt sich dadurch als Außenseiter und nutzlos. Sein Großvater möchte für ihn gerne eine Ehe mit dem gutmütigen, aber deutlich älteren Charles arrangieren, doch David verliebt sich in den attraktiven und mittellosen Edward. Im Freistaat New York ist Homosexualität übrigens nichts ungewöhnliches und vollkommen legal, aber im Rest von Amerika ist sie strafbar und sogar lebensgefährlich. Und in genau diesen Teil plant Edward seine Zukunft.

In meinen Augen herrschen noch sehr klassische literarische Vibes. Der kränkliche David erinnert mich an Figuren wie Hanno Buddenbrook oder andere Charaktere der Dekadenzdichtung. Er ist nicht so recht für diese Welt geschaffen und obwohl man ihn einerseits bemitleidet, ist er nicht unbedingt sympathisch, da er teilweise wirklich selbstsüchtig und ungerecht handelt. Man hofft aber natürlich trotzdem auf ein gutes Ende für alle Beteiligten, aber das Ende von Buch Eins lässt einige Fragen offen und ich hätte wirklich gerne weitergelesen.

Buch 2: 1993

In diesem Buch gibt es zwei Zeitstränge, die nacheinander in getrennten Abschnitten erzählt werden. Zuerst: David, ein junger Anwaltsgehilfe, und Charles, sein deutlich älterer Lebensgefährte und Vorgesetzter, leben zusammen in besagtem Haus am Washington Square. Die beiden sind glücklich, auch wenn sie scheinbar aus verschiedenen Welten kommen, was Alter und Finanzen angeht, doch die Zeiten sind kompliziert. Es sind die Hochjahre der AIDS-Pandemie und die beiden sehen, wie ein Großteil ihrer Freunde jung dahingerafft wird.

Und ja, ihr habt richtig gelesen: David und Charles. Ich war super überrascht, denn nicht nur die hier erwähnten Hauptcharaktere tragen wieder die gleichen Namen, sondern auch Nebenfiguren, wie zum Beispiel Peter und Eden tauchen wieder auf. Charakterlich haben sie oft auch starke Ähnlichkeiten zu ihren Vorgängern, insbesondere Charles fand ich seinem Vorfahren sehr ähnlich.

Im zweiten Abschnitt von Buch Zwei erzählt Davids Vater, ebenfalls David, die Geschichte von ihm und seinem Sohn. Da sie aus Hawaii stammen spielt dieser Teil auch dort, was ich super spannend fand. Bisher hatte ich mich noch nie mit dem Inselstaat auseinandergesetzt und fand es ein wirklich interessantes Setting. Da Hanya Yanagihara selbst Hawaiianerin ist, fand ich es schön, dass die Autorin ihren eigenen Background mit ins Spiel gebracht hat.

Auch Buch Zwei hat ein offenes Ende – langsam müssen wir uns dran gewöhnen – doch die Zeichen stehen hier alle recht deutlich auf eine bestimmte Entwicklung hin, sodass es sich wie das abgeschlossenste Kapitel der drei anfühlt und man am besten loslassen kann, auch wenn man natürlich am liebsten weitergelesen hätte.

Buch 3: 2093

Buch Drei ist der längste und definitiv komplexeste Teil. Auch die vorherigen zwei Bücher waren schon politisch geprägt, aber in diesem nimmt die politische Entwicklung den größten Raum ein.  Auch hier gibt es zwei Zeitstränge, doch sie werden nicht, wie in Buch Zwei, nacheinander erzählt, sondern wechseln sich Kapitelweise ab.

Zunächst sind da Charles, Edward und ihr Sohn David, die von Hawaii nach New York ziehen. Charles ist Virologe und sieht dort eine Chance wirkungsvoller Pandemien zu bekämpfen, von denen die Menschheit mittlerweile in gewisser Regelmäßigkeit heimgesucht wird. Dabei werden die Methoden des Staates immer rigoroser und menschenfeindlicher, sodass die Familie sich irgendwann von Charles abwendet. 

Charles erwachsene Enkeltochter, genannt Kobra, hat als Kind eine dieser schweren Krankheiten überlebt, dabei aber dafür ihr fröhliches und offenes Wesen eingebüßt. Sie hat Schwierigkeiten mit zwischenmenschlichen Interaktionen und wirkt befremdlich auf andere. In ihrem Umfeld fällt das allerdings kaum auf, da Freude oder Freundschaft ohnehin nicht mehr relevant sind, denn es geht nur noch ums nackte Überleben.

Die Parallelen zur heutigen Lage sind natürlich unübersehbar: Klimawandel hat ganze Landschaften zerstört und Pandemien kommen in so einer Regelmäßigkeit dass sie das Leben dominieren. Die Menschen sind dabei in ihren Grundrechten so eingeschränkt dass das Leben eher an Orwells 1984 erinnert. 

Er sagt, eine Krankheit hat keinen besseren Freund als die Demokratie

So ein Satz ist heutzutage natürlich gewagt. Im Buch kommen zwar weder der totalitäre Staat, noch die Terroristen die gegen ihn kämpfen, besonders sympathisch weg, aber man kommt ja nicht umhin, das gelesene auch auf die aktuelle Lage zu beziehen. Und hier ist der Sprung von „wir müssen uns aus Solidarität ein bisschen Einschränken“ zu „unsere Grundrechte sind außer Kraft gesetzt“ im Gegensatz zum Roman einfach noch sehr weit. Ich möchte daher einfach hoffen, dass sich durch dieses Buch keine Querdenker in ihren Ansichten bestärkt fühlen, es ist schließlich immer noch Fiktion.

Wie gesagt, es dreht sich viel um Politik in diesem letzten Buch, und es werden so viele Jahreszahlen und Ereignisse genannt, dass es manchmal schwer fällt den Faden nicht zu verlieren. Mich persönlich hat das jetzt nicht immens gestört, könnte mir aber Vorstellen, dass das vielleicht nicht für jeden etwas ist.

Gesamtbild

Ich liebe Bücher, bei denen ich mich als Leserin wie eine Schatzsucherin fühle: wenn das Buch auf der Unterhaltungsebene schon super funktioniert, aber auch einiges an Referenzen und Anspielungen enthält, die man vielleicht erst auf den zweiten Blick sieht. Ich möchte beim besten Willen nicht behaupten ich hätte jede davon gefunden und verstanden, aber ich freue mich immer, wenn mir etwas auffällt, denn neben den Namen und dem Haus am Washington Square gibt es noch viele andere Motive, die sich in allen drei Büchern wiederholen. Aber es gibt auch immer wieder Bezüge zur Vergangenheit, wie zum Beispiel einen Geschichtenerzähler in Buch 3, der die Geschichte von David und Edward aus Buch 1 wiedergibt. 

Und dann gibt es natürlich noch die Bibelreferenzen. Da ich wirklich nicht bibelfest bin, habe ich wohl den Großteil verschlafen, aber ein zentrales Thema ist hier sicherlich der Name David selbst. In der Bibel geht König David einen Bund mit Gott ein, woraufhin ihm eine ewig andauernde Dynastie von Davids versprochen wird, aus der auch eines Tages der Messias entstammen soll. Und im Grunde erzählt uns Hanya Yanagihara die Geschichte einer Linie von Davids, zum Teil sogar von König Davids.

Wie ihr merkt ist „Zum Paradies“ ein Buch über das man noch viel Grübeln kann, auch wenn man es beendet hat. Es liefert reichlich Stoff zum Rätseln und zum Nachdenken, sodass es eigentlich erstaunlich ist, dass es „nur“ 900 Seiten hat, ich hätte noch 300 weitere lesen können! Was auch daran liegt, dass einem die Charaktere mit all ihren Fehlern sofort ans Herz wachsen und man eigentlich noch viel mehr über ihren Lebensweg erfahren möchte. Aber manchmal muss man einfach ein bisschen zwischen den Zeilen lesen und die eigene Fantasie bemühen, auch wenn offene Erzählsprünge wirklich nicht immer leicht fallen. 

Eine Sache von der ich neben den authentischen Charakteren nämlich einfach nicht genug bekomme, ist die Sprache von Yanagihara. Sie ist nicht nur eine großartige Geschichtenerzählerin sondern auch eine überragende Schriftstellerin. Ich habe mir diverse Textstellen beim Lesen markiert, weil ich sie am liebsten einrahmen würde, so wunderschön sind ihre Worte. 

Fazit: Wenn ich nach 900 Seiten noch nicht genug habe, sagt das eigentlich schon alles. Ein großartiger Roman – oder eigentlich drei? – der schon jetzt zu meinen Lesehighlights 2022 zählt. Er funktioniert als Next-Level Generationenroman, aber kann noch so viel mehr. Klare Leseempfehlung für alle, die sich nicht vor komplizierten, dicken Büchern scheuen!

💛💛💛💛💛 (großartig)


Hanya Yanagihara
Zum Paradies
9783546100519
Claassen
Hardcover

3 Kommentare zu „Hanya Yanagihara – Zum Paradies

  1. Hallo Tomke,

    ich hab das Buch seit Wochen im englischen Original auf meiner WuLi liegen. Es wäre auch mein erstes Buch der Autorin.

    Nach deiner Rezension bin ich jetzt noch gespannter auf das Werk. Vielen Dank für deine tolle Besprechung.
    Doch leider muss es sich noch ein wenig gedulden. Erst einmal müssen noch ein paar Bücher vom SuB abgebaut werden, bevor dieses einziehen darf.

    Cheerio
    RoXxie

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    1. Hallo RoXxie,

      es freut mich sehr, dass ich dich neugierig machen konnte und hoffe sehr, dass es dir auch so gut gefällt, wenn es denn so weit ist! Das mit dem elendig langen SuB kenne ich aber nur zu gut und habe vollstes Verständnis! 😉

      Liebe Grüße
      Tomke

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