Kate Elizabeth Russell – Meine dunkle Vanessa

TW: Sexueller Missbrauch
„Es kann keine Vergewaltigung gewesen sein, denn ich habe es gewollt“. So steht die mittlerweile erwachsene Vanessa zu der „Affäre“, die sie zu Schulzeiten mit ihrem Lehrer hatte. Sie war zwar minderjährig und seine Schutzbefohlene, aber sie war in ihn verliebt und er hat nie etwas getan, was sie nicht gewollt hätte. Dieses Bild gerät allerdings ins Wanken, als eine weitere ehemalige Schülerin ihm sexuellen Missbrauch vorwirft, und zwar im Rahmen der #metoo Bewegung komplett öffentlich.

Kate Elizabeth Russell erzählt in zwei Zeitsträngen die Geschichte der jungen Vanessa, die „die Affäre“ mit ihrem Lehrer erlebt und die der erwachsenen Vanessa, die daran festhält eine Liebesgeschichte erfahren zu haben. Ein seltsamer Ausgangspunkt, ist es doch ein so offensichtlich unausgewogenes Machtverhältnis. Aber durch Vanessas Vehemenz ist man als Leser*in schon fast geneigt zu glauben, dass wirklich alles aus Liebe und freiwillig passiert ist. Sie bezeichnet sich selbst als „ein Mädchen, was es eigentlich nicht geben dürfe“ und romantisiert die Beziehung. So schützt sie ihn vor den Konsequenzen, aber vor allem sich selbst vor der schmerzhaften Erkenntnis, dass er sie missbraucht hat. Und dieser Missbrauch ist so eindeutig, dass da keinerlei Interpretationsspielraum ist. Aus der Perspektive der jungen Vanessa lesen wir alles über Grooming, mangelnden Consent, Schuldgefühle und Drohungen. Zum Teil auch sehr grafisch, was erzählerisch aber durchaus Sinn macht um die Diskrepanz zwischen Vanessas Erinnerung und der Realität deutlich zu machen.

Was ich an mir selbst beobachtet habe ist,, dass mir Vanessa zu Beginn des Buchs nicht wirklich sympathisch war. Sie wird von einer anderen jungen Frau um Unterstützung gebeten, die ebenfalls von diesem Lehrer missbraucht wurde und Vanessa lässt sie eiskalt abblitzen. Natürlich ist jeder Frau, die Opfer von sexueller Gewalt wird, selbst überlassen, ob und wie sie darüber öffentlich sprechen möchte. Aber wenigstens auf einer persönlichen Ebene hatte ich mir von Vanessa Solidarität erhofft. Im Verlauf der Geschichte wird einem natürlich klar, warum sie so reagiert und wie tief der Stachel eigentlich sitzt. Sie ist zwar kein nahbarer Charakter, aber man ist trotzdem mit ganzem Herzen bei ihr und will nur das Beste für sie.

Hier gibt es ein paar Spoiler:
Natürlich bekommen Vanessas Mitschüler*innen mit, das irgendetwas zwischen ihr und diesem Lehrer passiert und ihm wird der Missbrauch vorgeworfen. Dabei gehen alle beteiligten Erwachsenen auf die schlechtmöglichste Art mit der Situation um und beim Lesen kocht das Blut so richtig hoch. Zum Beispiel wird das Gespräch nicht etwa mit Vanessa alleine und mit einer verständnisvollen psychologischen Betreuung gesucht. Nein, sie und der Lehrer werden gleichzeitig zur Rede gestellt. Im Endeffekt lügt Vanessa und nimmt die Schuld auf sich, sagt sie würde für den Lehrer schwärmen und er hätte nichts falsch gemacht. Für sie hat es schlimme Konsequenzen, für ihn keine.
Aber auch im familiären Umfeld ist der Rückhalt gleich Null. Niemand denkt daran das Gespräch mit Vanessa zu suchen oder sie zu unterstützen, stattdessen wird sie angefeindet. Selbst als ihre Mutter irgendwann rausfindet, dass Vanessa gelogen hat, und ihren Lehrer beschützt hat, ist ihre einzige Reaktion wütend über die Lüge zu sein.vJahre später entschuldigt sie sich dann bei ihrer Tochter nur dafür, dass sie den Lehrer nicht hinter Gitter gebracht hat, aber schiebt vor, dass sie Vanessa die öffentliche Auseinandersetzung nicht antun wollte. Gespräche, Therapie, Unterstützung,… all das hätte es auch ohne Öffentlichkeit geben können, aber Fehlanzeige.

Insgesamt ein unglaublich beklemmendes, aber wichtiges Buch, das ich wirklich empfehlen kann, um einen Einblick zu bekommen, wie sich sexuelle Gewalterfahrungen auch Jahre später noch auf die Betroffenen auswirken können. Ich habe aus dem Roman unglaublich viel mitgenommen. Dass es mindestens genauso schmerzhaft sein kann, sich einzugestehen Opfer gewesen zu sein, wie der Missbrauch selbst. Dass es keinen einen richtigen Weg gibt, damit umzugehen. Dass wir Frauen und Mädchen glauben müssen.

💛💛💛💛💛 (großartig)

Kate Elizabeth Russell
Meine dunkle Vanessa
978-3-570-10427-9
C. Bertelsmann
Hardcover, 20 €

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